laufende Projekte

– „Die unfaßbare Tat“ – Gesellschaft und Amok
Die Studie untersucht sogenannte Amokläufe, also Fälle der scheinbar willkürlichen, wenngleich häufig lange geplanten Tötung einer möglichst großen Anzahl von Personen im öffentlichen Raum. Seine gesellschaftliche wie mediale Wahrnehmung und Rezeption weist den Amoklauf als Ausnahmeereignis aus. Der aus dem Inneren von Gesellschaft heraus erfolgende Ausbruch exzessiver Gewalt stellt deren Funktionalität insgesamt in Frage. Damit lässt sich der Amoklauf als Kreuzungspunkt gestörter Vergesellschaftungsprozesse und entglittener Praktiken der Subjektgenese begreifen, weshalb er eine Re-Integration in die Gesellschaft erfahrenmuß. Die Studie geht von der These aus, daß es sich hinsichtlich der öffentlichen, medialen und wissenschaftlichen Rezeption des Amoklaufs um zentrale Bemühungen handelt, Bedingungen gesellschaftlicher Normalität wieder herzustellen, die durch die in der Regel überraschende Präsenz exzessiver Gewalt im gesellschaftlichen Binnenraum nachhaltig gestört oder latent außer Kraft gesetzt sind. Die Rezeption und auch die vielfältigen Modi der Reaktion auf exzessive Gewalthandlungen sind Teil eines gesellschaftlichen Diskurses, der der Vergesellschaftung ungeregelter Gewaltaktionen dient. Die Studie nimmt eine Diskursanalyse ausgewählter Fälle von Amokläufen in Deutschland vor.

– „Schrecken und Spektakel. Gewalt im Comic – Bilddiskurs und Subjektstrategie“
Die Studie erfaßt anhand ausgewählter Beispiele die kulturelle Indexikalität von Gewalt im Comic und untersucht die spezifische Affinität des Massenmediums Comic zu Repräsentation und Faszinationsmotiven der Gewalt. Zwar sind Kulturentwicklung und Medien kontinuierlich von Motiven der Gewalt durchsetzt; deren Repräsentationsformen sind aber weder historisch noch in den einzelnen kulturellen Segmenten identisch. Vielmehr besitzen sie eine spezifische Indexikalität, die auf eine kulturelle Funktionalität verweist. In dieser Perspektive sollen der kulturtheoretische Diskurs und die medienwissenschaftliche Debatte über Gewalt für einander fruchtbar gemacht werden. Diese Verbindung einer primär medienethischen Diskussion (der Legitimität von Mediengewalt) mit einer systematischen, kulturtheoretischen Fragestellung bildet den methodischen Neuansatz des Projekts, welches das Verhältnis von Kultur und Gewalt exemplarisch an einem einschlägigen Medium reflektiert. Die Studie baut auf Fallanalysen einzelner Beispiele von Gewaltrepräsentationen in einem ebenso klassischen wie lange verfemten Massenmedium auf, unter Einbeziehung eines kulturanalytischen Hintergrunds. Gezeigt wird, inwieweit solche Repräsentationen von Gewalt für Strategien der Subjektgenese in der Gegenwart wirksam sind.

– Film und Konflikt. Zur Verhandlung von Konflikten im Spielfilm
Die Ausgangsthese lautet, daß gesellschaftliche Konfliktlagen in den um weitgehende Befriedung nach innen bemühten modernen Gesellschaften insbesondere über Praktiken ihrer Repräsentation und Ikonisierung in Medienartefakten ausgetragen werden. Das bedeutet nicht, daß diese Gesellschaften konfliktfrei wären. Das Gegenteil ist der Fall; die modernen Gesellschaften haben es nicht vermocht, Konflikt- und Gewaltlagen erfolgreich aus ihrem Inneren zu exkludieren. Die Studie stellt daher zwei Aspekte in den Vordergrund: Mediale Kommunikation wird als die zentrale gesellschaftliche Kommunikation in der Gegenwart schlechthin begriffen. Die mediale Aufbereitung von Konflikt- und Gewaltphänomenen ist wesentlicher Bestandteil und auch Träger eines entsprechenden gesellschaftlichen Diskurses. Populärkulturelle Artefakte können daher sowohl Reflexionen auf solche Diskurse und Phänomene, als auch Interventionen in laufende Diskurse darstellen. Zugleich stellen die Bilder und Narrative, die medial zu diesen Themen entwickelt und bereitgestellt werden, Referenzen an eine lebensweltlich häufig nicht einholbare Realität dar.

– „Der wunderliche Realist“. Zum 50. Todestag von Siegfried Kracauer
Kaum ein intellektueller Autor steht wohl so konsequent und facettenreich für das 20. Jahrhundert, wie Siegfried Kracauer, dessen Todestag sich 2016 zum 50. Mal jährt. Wie kein anderer hat Kracauer ein Spektrum an Interessen abgedeckt, das in sich ein Panorama abbildet, wie es paradigmatisch für kulturelle und intellektuelle Tendenzen der Zeit von Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre hinein steht. So wie Kracauer mit großer Leichtigkeit zwischen den Gattungen wechselt – vom Roman zum Feuilleton zur wissenschaftlichen Untersuchung –, so zeichnet sich das letztere Feld bei ihm durch ein explizit nicht disziplinengebundenes Interesse aus. Kracauer ist interessiert an Themen und Fragestellungen, weniger übt er eine bestimmte Fachdisziplin aus. Der Sammelband beabsichtigt, aus Anlaß des 50. Todestages Siegfried Kracauers, dessen Werk in allen seinen Facetten zu würdigen. Obwohl unterdessen einiges an Sekundärliteratur zu Kracauer vorliegt, existiert bislang keine Publikation, die sich der Herausforderung annehmen würde, alle Themenbereiche abzudecken, mit denen Kracauer sich befaßt hat.